Donnerstag, 24. August 2006

VERBLENDUNG

E. M. Cioran
Die negative Seite des Fortschritts


Das Dasein hätte einen Sinn haben können, wenn es uns gegeben worden wäre, dem Alptraum des Werdens zu entkommen. Da wir unfähig sind, uns die ewige Gegenwart vorzustellen, gelingt es uns auch nicht, das Paradies zu imaginieren. Diese Unfähigkeit wird immer schlimmer, je weiter wir voranschreiten. Man kann behaupten, daß die Geschichte als ganze auf eine Hypertrophie, ja, eine Perversion unseres Sinnes für die Zeit hinausläuft. Den Aberglauben an das Beste erfunden zu haben, die Vorstellung, daß jeder Schritt vorwärts einen Sieg über das Böse bedeutet, daß das Werden als solches notwendig ein positives Prinzip in sich birgt – das ist unser verderbliches Privileg.

Die Idee des Fortschritts ist unvermeidlich mit der Idee der Zeit verknüpft, aber nicht irgendeiner Zeit. Die Vorstellung der stetig wiederkehrenden Zeit, die der Antike eigen war, konnte nicht zur Idee eines unbe grenzten Fortschritts führen, wie sie sich der moderne Optimismus, insbesondere derjenige Condorcets, ausdenken sollte. Eine Parenthese sei erlaubt: Ich gehe nie durch die Rue Servandoni in der Nähe der Kirche Saint-Sulpice, ohne vor dem Haus stehenzubleiben, in dem sich einer der glühendsten Anhänger der Revolution, eben Condorcet, bei einer alten Dame einige Monate lang versteckt hielt. Unvorsichtigerweise verließ er diese Bleibe, flüchtete in einen Vorort und wurde dort festgenommen. Um der Guillotine zu entkommen, nahm er sich das Leben. Unter welchen Bedingungen hat dieser Aristokrat die Illusion aller Illusionen ersonnen! Die Faszination für die Zukunft hat immer dazu geführt, daß verführerische Systeme aufgestellt wurden. Das ganze letzte Jahrhundert hindurch war Fortschritt gleichbedeutend mit Heil. Wenn ich versucht bin, an die Zukunft zu glauben, genügt mir ein kurzer Halt vor besagtem Haus, um mir jede Anwandlung von Überschwang auszutreiben.

Zweifelsohne kommen wir voran, aber wir machen keine Fortschritte. Zahlen müssen wir für alles. Für jede Tat müssen wir büßen. Der geringste Schritt vorwärts wird eines Tages bereut, denn all unsere Errungenschaften wenden sich letztlich gegen uns. Der Augenblick wird sogar kommen, wo wir voller Ungeduld der alten, wunderbaren Seuchen harren, wo die unmittelbar bevorstehende Lepra den Kannibalismus wieder in Mode bringen wird. Endlich seltener geworden, werden uns unsere Mitmenschen erträglich erscheinen.

Da alles, was der Mensch erfindet, sich gegen ihn auflehnt, wird er sich umso schneller seinem Ende nähern, je mehr er sich abplagt. Keine Krankheit wird sich seiner Kompetenz, seiner Indiskretion entziehen, vielleicht nicht einmal mehr irgendein Geheimnis. Alles wird er erklärt, alles geheilt, alles bloßgestellt haben, da er aber nicht den Sinn von all dem gefunden hat, ist es nicht ersichtlich, wie er in einer Welt wird überleben können, die jeder Berechtigung und jedes Mysteriums beraubt ist.

Wir dürfen nicht vergessen, daß die Neugierde den Sündenfall verursacht hat, daß das Paradies weiterhin hätte bestehen können, wenn wir uns versagt hätten, vom Baum der Erkenntnis zu kosten. Es steht fest, daß die Neugierde etwas Morbides hat. Wir hätten die Dinge auf sich beruhen lassen sollen, haben aber genau das Gegenteil getan. Die Spuren des Menschen sind unheilvoll: Reinheit gibt es nur, wo er nicht vorhanden ist, aber er wird erst unwiderruflich verschwinden, wenn er das allerletzte Heilmittel entdeckt hat. Nach dem Besiegen aller Krankheiten wird er sich … zu Tode langweilen, es sei denn, er würde ungewöhnliche Foltern erfinden, die ihn noch einige Jahrhunderte lang in Stimmung bringen könnten. Sicher ist, daß sein Ende ihn immer mehr beschäftigen und seinen Erfindungsgeist stimulieren wird – eine Möglichkeit, eventuell einem beispiellosen Überdruß zu entkommen.

Ein Säugetier, das ein unbedeutendes Schicksal hätte haben sollen, ist in ein Abenteuer verwickelt, das es übersteigt. Wie die Dinge nun einmal liegen, gibt es auf die Frage: wie wird sein Ende sein? nur eine Antwort: es ist unmöglich, ja unvorstellbar, daß er gut endet. Alle seine Unterfangen haben ausnahmslos eine schlechte Wendung genommen, je hervorragender sie waren, um so großartiger das Fiasko, das sie krönte. Augenscheinlich ist ein solches Wesen nicht geschaffen worden, um zu reflektieren, sondern um zu agieren, sich aufzuregen, sich zu verrenken. Von allen Tieren ist dem Affen am wenigsten Diskretion, Schamgefühl und Anziehungskraft eigen. Er ist der subtilste von ihnen und dennoch entehrt er die zoologischen Gärten. Bei solch einem Ahnen ist es kein Wunder, daß seine Nachkommen so sind, wie sie sind. Wir sollten niemals unsere Herkunft vergessen, weder bei Anwandlungen von Stolz noch bei Anwandlungen von Niedergeschlagenheit. Verwunderlich ist, daß bei solchen Vorfahren Heilige und Dichter das Licht der Welt erblickt haben. Und wie ist die verblüffende Weisheit der Verfasser der Genesis zu erklären?

Der Mensch hätte sich nicht der Tat verschreiben, sondern in die Passivität eintauchen sollen, er hätte das konsekrierte Nichts unverändert bestehen lassen und selber mit einer einzigartigen Gleichgültigkeit anfangen und enden sollen. Die Geschichte ist eine Sünde, seine Sünde. Diejenigen, die die Zukunft vergötzen, sind solidarisch mit den Erben Adams, deren Hochmut sich als Quelle des Unheils erwiesen hat. Die Aufklärung hat die Idee des Falles, des ursprünglichen Bösen verworfen, daher rührt ihre glanzvolle Fassade und die Anziehungskraft, die sie auf die zugleich subtilen und naiven Geister ausübt. Der rosafarbene Zynismus ist die Triebfeder aller Umwälzungen.

Die Unmöglichkeit, einen Zugang zum ewig Gegenwärtigen zu finden, ist verknüpft mit der Faszination für das Mögliche, ohne das die Fortschrittsidee keinen Sinn hätte. Unsere Eltern haben uns die Idee der Effizienz eingetrichtert, wir sind schuldig, weil wir nicht den erforderlichen Widerstand aufbringen. Es wäre weit besser gewesen, wenn wir stillgehalten hätten, ohne uns ständig übertreffen zu wollen, ohne danach zu trachten, uns zu vervollkommnen. Das Ergebnis dieses Bemühens erweist sich immer als katastrophal. Jeder prüfe sich selber, bedenke seinen Fall und lege ein Geständnis ab! Wenigstens zu einem Teil ist jeder selbst daran schuld, so zu sein, wie er ist. Ich bin am Rande der Karpaten zur Welt gekommen. Mein Dorf liebte ich innig. Als ich zehn Jahre alt war, mußte ich es verlassen, um in der Stadt aufs Gymnasium zu gehen. Das war für mich eine Schicksalsprüfung, die ich nie vergessen werde. Das Schauspiel eines Tieres, das zum Schlachthof geführt wird. Die zu Tode Verurteilten haben vermutlich vor der Hinrichtung ahnliche Gefühle. Ich wußte, daß ich alles verlor, daß ich aus meinem Garten Eden vertrieben wurde und daß ich eine solche Strafe nicht verdiente. Wenn ich am Ende meines Lebens daran zurückdenke, finde ich, daß meine Reaktion berechtigt war, daß die »Zivilisation« im Grunde ein Irrtum ist und daß der Mensch in enger Verbindung mit den Tieren, kaum von ihnen unterschieden, hätte leben sollen. Auf keinen Fall hätte er das Stadium des Hirten überschreiten sollen. Die Krönung eines Lebens läuft letztlich auf ein tadelloses Mißlingen hinaus.

Eine ungeheure Dosis von Blasiertheit ist nötig, um ohne Utopie leben zu können. Der Fortschrittsgedanke ist aber die Utopie schlechthin. Sogar diejenigen, die es ab¬lehnen, daran zu glauben, stimmen ihm unbewußt zu. Man könnte meinen, daß wir seit jeher nur die Bedeutung dieses Makels, unseres Makels, bagatellisiert haben. Die Geschichte ist letztlich nur die Entfaltung und sozusagen die Betonung dieser ursprünglichen Anomalie, ohne die der Schlüssel des Werdens nicht gefunden werden kann. Vielleicht müßte man noch weiter zurückgehen, im Lebensprinzip selbst eine initiale Unreinheit anerkennen, einen Hang zum Negativen – die Originalität des Organischen im Vergleich zum Unorganischen bestünde in einem zerstörerischen, dämonischen Prinzip. Das Leben wäre also nur eine Verirrung der Materie, daher der Fluch, der allem anhaftet, was sich bewegt, allem, was atmet.

Nur um die Folgen dieser »schwarzen«, depressiven Sicht zu neutralisieren, hat sich der Fortschrittsgedanke mit solcher Eindringlichkeit unser aller bemächtigt. Man könnte sogar behaupten, daß die zwei Jahrhunderte, die uns von der Revolution trennen, einzig darauf abzielten, die erbarmungslose Vorstellung, die der Mensch sich von seinen Anfängen gemacht hat, zu untergraben. Zwei Jahrhunderte erzwungener Illusion! Der Erfolg ist unleugbar, aber alles andere als vollständig. Das, was ihn so aufsehenerregend hat werden lassen, bedroht ihn jetzt: die Höchstleistungen der Wissenschaft, die offenkundig ein ambivalentes Wunder geworden ist und allmählich die Hoffnungen unterminiert, die sie hervorgerufen hatte. Die Wissenschaft wird, wenn sie es nicht schon getan hat, der Erwartung des endgültigen Triumphes den Todesstoß versetzen. Die biblische Warnung hinsichtlich der Gefahr, die mit dem Baum der Erkenntnis verbunden ist, war also berechtigt. Um das einzusehen, brauchen wir nur abzuwarten. Die scheinbar rückständigste Prophezeiung hat ins Schwarze getroffen. Die sogenannte naive Menschheit am Anfang unseres Abenteuers hat dessen Risiken entschiedener aufgedeckt als Jahrhunderte von Nörglern. Aber es stand geschrieben, daß das Paradies von Beginn an zerbrechen sollte.

Man kann nicht vor der Zukunft fliehen. Der Mensch stürzt auf sie hin, fasziniert und entsetzt zugleich, er wird schließlich sogar Gefallen daran finden, denn der Abgrund ist sein eigenes Produkt. Was er auch anstellen mag, er muß auf seinen Zusammenbruch zueilen, und diese Komplizenschaft mit dem Abgrund bildet seine Originalität. Würde er zu den Gewinnern gehören, so wäre er keiner Überlegung wert, aber da er so offenkundig zu den Verlierern gehört, kann man nicht umhin, über sein Los nachzudenken. Jetzt wissen wir, daß das Werden mit dem Ausweglosen veschmilzt, daß die Zeit eine tragische Würde besitzt, die ihr Ansehen sogar in den Augen derer, die sie verabscheuen, wiederherstellt.

Was das Dasein erträglich macht, ist der Gedanke, daß unsere Nachkommen uns notgedrungen beneiden werden. Wie hat man so lange Zeit auf eine idyllische Zukunft setzen können, wie es derart an Einsicht und, was noch schlimmer ist, an gesundem Menschenverstand fehlen lassen können? Wären wir damit begabt gewesen, so hätte die Geschichte sich nicht ereignet, unsere Bescheidenheit hätte ihr ein Ende gesetzt, und wir wären heute, was wir zu Beginn waren, unbedeutende Geschöpfe ohne die faszinierende Zwangsvorstellung des Desasters

Nach einer so langen Phase der Hysterie ist es unvorstellbar, daß der Wille zum Innehalten sich nicht aller bemächtigt hat. Leider gelangen die Völker nicht zur gleichen Zeit zum gleichen Stadium des Überdrusses. Eine auf ihr Ende zusteuernde Menschheit wäre im Notfall erträglich. Das ist nicht der Fall bei einer ungleich abgenutzten Menschheit. Ein allgemeines, gleichzeitiges Innehalten würde das Trugbild des Paradieses erneut heraufbeschwören. Die Ungleichheit der Abnutzung und des Widerwillens wird stets die Wiederherstellung der ewigen Gegenwart verhindern, den Sieg über den satanischen Charakter des Werdens. Aufgeben, ein ehemaliger Sterblicher sein, ein absoluter Nicht-Bürger, ein metaphysischer Asylant, das sollte der Traum eines jeden sein. Welcher Irrtum, irgend etwas angestrebt zu haben, sich abzumühen, um Spuren zu hinterlassen, im Grunde eine Identität zu haben!

Das einzig positive Zeichen unserer Epoche, der einzig wirkliche Fortschritt: in seinem Innersten glaubt kein luzides Wesen an die Zukunft, oder wenn es an sie glaubt, so aufgrund eines Automatismus, aufgrund eines ererbten Mißverständnisses. Dieses ist stärker als die Gewißheit, von der die Desillusion lebt, jenes poetische Äquivalent der Erkenntnis.

Das Werden: eine Folge von relativen Sackgassen mit der Sackgasse schlechthin als Endstation. Eine Art von Triumph gegen den Strich. Man versteht nichts von der Geschichte, wenn man darin etwas anderes sieht als die Prunkentfaltung einer namenlosen Ironie. Warum irren wir uns in unseren Mutmaßungen, warum geben sogar die Skeptiker oft den Reizen der Naivität nach? Weil es widernatürlich ist, sich vor der Allmacht des endgültigen Nicht-Sinnes zu beugen. Sollte man Pläne schmieden, während man auf dem Friedhof spazierengeht? Zweifelsohne nicht, aber genau das tun wir alle trotzdem. Das Leben ist nur möglich durch das Verleugnen des Unwiederbringlichen, durch die Ablehnung des Offensichtlichen. Die Geschichte ist das Produkt dieser Verblendung. Und der Fortschritt? Eine Lüge, die hartnäckigste und zugleich die gefährdetste von allen.


(Aus dem Französischen von Verena von der Heyden-Rynsch)


In: Peter Sloterdijk (Hg.), Vor der Jahrtausendwende. Berichte zur Lage der Zukunft, Band 2. Frankfurt am Main : Suhrkamp, 1990 (edition suhrkamp ; 01550), S. 660-667.

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